Amnesty International Gruppe Beckum

Impressum | Login

Gruppe Beckum

StartseiteWer schweigt, wird mitschuldig

Wer schweigt, wird mitschuldig

Ein Interview mit unserem Mitglied Rosida Eickelpasch

Aus einer Sendung des SWR2 Eckpunkt / Leben vom Montag, den 20.01.2003 um 10.05 Uhr


Im Interview: Rosida Eickelpasch

Erzählerin

Am 10. Januar 1951 wird Rosida Eickelpasch zum ersten Mal aufmerksam. Aufmerksam auf das Unrecht. Sie ist sechs Jahre alt und besucht die erste Klasse in dem 10.000-Einwohner-Städtchen Olbernhau im Erzgebirge, in der damaligen DDR. Die Nachricht ging schon Tage vorher wie ein Lauffeuer durch das Dorf: Hermann Flade, ein 18-jähriger Oberschüler soll zum Tode verurteilt werden. Er ist angeklagt wegen Boykotthetze gegen demokratische Einrichtungen, militaristischer Propaganda, versuchten Mordes und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Hermann Flade hat Flugblätter gegen die ersten Volkskammerwahlen verbreitet. Bei seiner drohenden Verhaftung hat er einen Volkspolizisten leicht mit dem Taschenmesser verletzt – „versuchter Mord“ in den Augen der DDR-Justiz. An jenem 10. Januar 1951 tagt das Landgericht Dresden im Ballsaal „Tivoli“ der kleinen Erzgebirgsstadt. Der Prozess gegen Hermann Flade wird im Radio übertragen.

Rosida Eickelpasch

Die Familien hatten ja immer Angst, dass die Kinder zu viel mitkriegen, und meine Mutter wollte mich eigentlich raushaben aus der Küche und hat überlegt, wo ich spielen könnte: im Wintergarten oder im Korridor. Ich habe aber gemerkt, dass da was Spannendes abgeht und hab mich gewehrt, habe gesagt: „Das ist kalt“ und „Da ist keiner“ und bin eben dann auch in der Küche geblieben.
Wir haben das Radio angestellt und dann habe ich mitgekriegt, was im Radio gesagt wurde und die Reaktion meiner Mutter und ihrer Freundin – ich weiß nicht, wer noch dabei war – aber ich weiß dass die Freundin und Nachbarin meiner Mutter dabei war.
Das waren ja wahrscheinlich immer nur Ausschnitte aus dem Prozess. Aber dann hat der Hermann Flade irgendwann ganz hysterisch geschrien: „Ich liebe die Freiheit!“ und dann war Sendepause. Und da wollte meine Mutter mich wieder rausschmeißen. Aber ich bin in der Küche geblieben und hab so getan, als würde ich spielen, aber ich hab ganz aufgeregt alles verfolgt.
Meine Mutter war ganz erregt. Das hab ich gemerkt, dass sie ganz aufgeregt war und dass irgendwas passiert. Und auch die Freundinnen meiner Mutter, die haben getuschelt und kommentiert, was ich nicht immer alles verstanden hab. Aber ich hab halt mitgekriegt, dass es um diesen achtzehnjährigen Jungen ging, den ich vom Sehen auch kannte und dass was Dramatisches passiert. Und dann haben die das Todesurteil verkündet, nach einer gewissen Zeit – das hat, glaube ich, alles sehr lange gedauert - und da ist meine Mutter fast zusammen gebrochen. Sie hat ganz erschüttert geweint und auch die Freundinnen meiner Mutter, die haben geredet und mich immer so beobachtet, was ich davon mitkriege. Und ich weiß, dass meine Mutter gesagt hat, man kann den Jungen doch nicht umbringen. Und das hab ich richtig verstanden, dass man einen Jungen umbringen will, und erst von da an hab ich wirklich aufmerksam versucht, zu ergründen, was da abgeht.

Erzählerin

Das Todesurteil gegen den 18-jährigen Schüler löst in der ganzen Welt Proteste aus. Politiker und Gewerkschaften, Schriftsteller, Künstler, Universitäten und Schulen bitten Wilhelm Pieck, den Präsidenten der DDR, um Gnade. Auch in der DDR selber gibt es Widerstand. An Rosida Eickelpaschs Schule werden Flugblätter verteilt, mit dem Aufruf: „Gebt Flade frei!“ Unter dem großen internationalen Druck kommt es schließlich zu einer Revisionsverhandlung vor dem Oberlandesgericht Dresden, das das Todesurteil in eine Zuchthausstrafe von fünfzehn Jahren umwandelt.
Der Fall gerät allmählich in Vergessenheit. Auch Rosida Eickelpaschs Erinnerung an den 18-jährigen Oberschüler verblasst allmählich. Sie hat ihre eigenen Sorgen. 1958, sie ist inzwischen vierzehn Jahre alt, flüchtet sie mit ihrer Familie in den Westen. Sie kommen nach Westfalen, wohnen dort in einem Flüchtlingslager, zu sechst in einem Zimmer. Das Geld ist sehr knapp, jede Arbeitskraft gefragt. Die begabte, lernbegierige Schülerin muss die Schule verlassen. Statt über Büchern sitzt sie nun in einer kalten, stinkenden Fabrik und näht Ledermäntel im Akkord.
Im Jahr 1960 wird sie unverhofft wieder an ihr bedrückendes Kindheitserlebnis erinnert:
Hermann Flade, so liest die Sechzehnjährige im „Stern“, ist nach 10 Jahren Zuchthaus in der DDR entlassen worden und in die Bundesrepublik ausgereist.

Rosida Eickelpasch

Es war, glaube ich, sogar die Titelgeschichte, sonst wäre ich ja nicht aufmerksam geworden. Da stand „Flade frei“ und er ist also dann mit großem Bahnhof abgeholt worden. Er ist ja auch freigekauft worden und dann hat man in mehreren Teilen darüber berichtet, was mit ihm war, seine ganze Geschichte und was er erlebt hat in den Zuchthäusern, in Bautzen und Waldheim, und das war ganz schrecklich. Hermann Flade war zwar immer noch ganz jung, also 28 Jahre alt, aber eigentlich ein gebrochener Mann. Sehr krank, durch Hunger, Folter, Tuberkulose und so was. Und dann hat das bei mir alles wieder aufgerissen. Und ich hab mich damit wieder sehr intensiv beschäftigt, das mit meiner Mutter diskutiert. Die war ja der einzige Mensch, sonst kannte ja keiner Hermann Flade. Und ich weiß auch, wenn wir wieder zurück sind ins Erzgebirge, also in die damalige DDR, die Leute da wussten nichts mehr über ihn. Das war vergessen oder verdrängt. Wir waren immer ganz alleine meine Mutter und ich mit Hermann Flade.

Erzählerin

Das Schicksal Hermann Flades, der mit 48 Jahren an den Spätfolgen seiner Gefangenschaft stirbt, hat sich tief bei Rosida Eickelpasch eingegraben. Diesem Kindheits-Erlebnis schreibt sie einen großen Teil ihres späteren Engagements gegen die Todesstrafe und für die Menschenrechte zu. Anfang der Sechziger Jahre wird sie durch zwei Ereignisse erneut aufgerüttelt und an den Fall Flade erinnert: Der junge kongolesische Staatspräsident Patrice Lumumba wird blutig gestürzt und Caryl Chessman wird in den USA als Mörder hingerichtet.

Rosida Eickelpasch

Patrice Lumumba, ich weiß nicht, ob ich schon vorher von ihm wusste, aber eingebrannt hat sich bei mir, das letzte, was man von ihm weiß, die letzten Stunden. Da ist er auf einen Lastwagen verladen worden und zusammengeschlagen worden, blutig geschlagen und er hat mit so traurigen Augen... Also es war so ein emotionales, tiefes Erlebnis. Wir saßen am Abendbrottisch und hatten die Nachrichten eingeschaltet und das war ja das erste Mal, dass ich eine Grausamkeit, eine echte Grausamkeit wirklich gesehen hab, und nachher haben wir gehört, dass er tot ist, dass man ihn zu Tode gefoltert hat und das hat mich einfach nie losgelassen. Nie.
Und Chessman - in der Fabrik, in der ich gearbeitet habe, habe ich in der Mittagspause „Stern“ gelesen und da bin ich auf seine Geschichte gestoßen. Der saß unheimlich viele Jahre in der Todeszelle und sollte dann hingerichtet werden und ist auch dann hingerichtet worden. Und da hab ich mich mit der Todesstrafe beschäftigt. Also mit der Todesstrafe für schuldige Menschen – das ist ja noch was anderes als einen Unschuldigen ermorden. Aber da hab ich mich schon so sehr mit der Todesstrafe auseinander gesetzt, das ist heute unverrückbar, dass ich in jedem Fall immer gegen Todesstrafe bin, weil ich das für sehr unmenschlich halte. Dafür gibt es einfach keine Rechtfertigung, jemand zu töten. Das hilft den Opfern nicht mehr, das hält keinen davon ab, zu morden, und es ist wieder eine furchtbare Gewalttat und macht also auch die Täter, die Henker, die Richter und alle, die damit zu tun haben, macht es auch wieder schuldig.

Erzählerin

Die Fälle gehen Rosida Eickelpasch nicht mehr aus dem Kopf. Inzwischen ist sie neunzehn. Sie lernt einen jungen Lehrer kennen, die beiden heiraten, und drei Kinder kommen in den nächsten Jahren zur Welt. Aber ins Private zieht sie sich trotz der Familiengründung nicht zurück. Anfang der 70er Jahre bekommt das, was sie seit langem umtreibt, erstmals einen Namen:
Menschenrechte. Immer noch hat sie Hermann Flades Satz im Ohr: „Ich liebe die Freiheit“.

Rosida Eickelpasch

Ich habe sehr viel gelesen, Klassiker, Dostojewski und alles Mögliche und immer wieder stieß man auf Folter und peinliche Befragungen und auf Todesstrafe, und es hat mich immer beschäftigt, aber so ganz konkret war es die politische Situation damals. Zum Beispiel im Iran, der Schah ließ ja foltern und in Chile, in Portugal, in Griechenland, überall gab es Diktaturen, und das hat man ja einfach gelesen, was da abging. Das hat mich sehr berührt. Der konkrete Auslöser war im Grunde, die Serie, die im Fernsehen lief, „Holocaust“. Ich hab mich immer auch viel mit dem Faschismus beschäftigt und wie es möglich ist, dass die Deutschen ein ganzes Volk ausrotten, und da hab ich nur gedacht, das ist ja heute auch so, dass man vieles mitmacht und vieles akzeptiert. Wie ist es möglich, dass in Portugal oder Griechenland Menschen zu Tode gefoltert werden können?
Da habe ich aus dem Emotionalen eine politische Frage gemacht. Vorher war das so was Persönliches. Ich bin ein sehr verletzbarer Mensch und sehr schutzbedürftig und da kann ich mich auch in andere hineindenken, die auch schutzbedürftig sind. Aber das Kämpferische, das Gesellschaftspolitische, das ist eben erst dadurch gekommen, dass ich gesehen hab, so was ist immer wieder möglich, und man darf nicht mitmachen, man darf es nicht verschweigen, vertuschen und vergessen.

Erzählerin

„Wer schweigt, wird mitschuldig“, schreibt damals, 1972, Carola Stern in der „Zeit“: ein Pamphlet gegen die politische, systematische Folter in zahlreichen Staaten der Welt. Die Publizistin, die sich in Wort und Schrift unermüdlich für die Menschenrechte einsetzt, wird für Rosida Eickelpasch zum bewunderten Vorbild.

Rosida Eickelpasch

Ich habe immer im Rundfunk ihre Kommentare gehört, und sie war eine der Amnesty-Mitbegründerinnen mit Gerd Ruge zusammen in Deutschland. Sie hat Aufrufe und Artikel verfasst über Menschenrechte, und die habe ich auch noch aufgehoben, das sind für mich Reliquien. „Wer schweigt, wir mitschuldig“, das hat mich so überzeugt, das hab ich gelesen und ich hab gedacht, ich muss was tun. Ich kann nicht nur Mitgefühl haben und traurig sein, ich muss richtig was tun.

Erzählerin

Aber was kann sie tun? Sie ist Hausfrau, hat drei Kinder und wohnt auf dem Land, in einem kleinen Dorf im westfälischen Münsterland. Aus der Zeitung weiß sie inzwischen von Amnesty International, aber in ihrer Region hat noch niemand etwas davon gehört. Eine Anfrage beim nationalen Sekretariat von Amnesty in Hamburg bleibt unbeantwortet. Ein paar Jahre später, 1978, liest sie dann in der Lokalzeitung den Bericht über eine Konzertlesung, die eine Amnesty-Gruppe in der Nachbarstadt organisiert hat. Sie nimmt sofort Kontakt auf und wird Mitglied der Amnesty-International-Gruppe im westfälischen Beckum, einer von 600 in ganz Deutschland. Seit dem Bestehen der Gruppe haben sich Rosida und ihre Mitstreiter für neun Menschen eingesetzt, die politisch verfolgt wurden. Sieben konnten sie vor dem Tod retten. Aber auch die Arbeit für jene, denen nicht mehr geholfen werden konnte, ist für Rosida keineswegs umsonst: Es ist ihr wichtig, jeden Fall öffentlich zu machen und so den Druck auf die Politik zu erhöhen.

Ein Fall, mit dem Rosida Eickelpasch persönlich sehr intensiv befasst ist, trägt den Namen Özcan Kesgeç. 1980 putscht in der Türkei das Militär, und eine Verhaftungswelle gegen ganze Bevölkerungs- und Berufsgruppen sorgt für Zehntausende von politischen Gefangenen. Einer von ihnen ist der hochrangige Gewerkschaftsfunktionär Özcan Kesgeç, der am 1. März 1981 nach schweren Folterungen im Istanbuler Militärgefängnis landet.
Für ihn und für weitere 29 führende Mitglieder der Gewerkschaft DISK fordert der Staatsanwalt die Todesstrafe wegen umstürzlerischer Tätigkeit.

Rosida Eickelpasch

Einen dieser Männer, dieser Gewerkschafter hat die Amnesty-Gruppe in Beckum zugeteilt bekommen von London, von der Zentrale, und dann macht man sich erst mit den Hintergründen vertraut, mit türkischer Geschichte und Kultur und dann mit dem einzelnen, mit dem Menschen, der bekommt dann ein Gesicht und eine Adresse und eine Geschichte. Dieses Persönliche finde ich immer ganz wichtig bei Amnesty. Das der einzelne auch zählt. Das man den so lange betreut, bis er frei ist oder der Fall gelöst ist. Und wir haben uns dann sehr für Özcan Kesgeç eingesetzt und waren sehr hoffnungsfroh, weil wir dachten, die Türkei will mal in die EU und ist ein modernes Land. Die können nicht einen Gewerkschaftsfunktionär umbringen, nur weil er die Gesellschaft verändern wollte. Und wir haben hier Mitstreiter gesucht, in Deutschland in Europa, bei den europäischen Gewerkschaften, bei den Politikern, bei allen gesellschaftlichen Gruppen. Wir haben seine Familie ernährt, wir haben Kontakt zu ihm aufgenommen, wir haben Anwälte bezahlt, wir haben an die türkische Regierung geschrieben, an die Presse. Also wir haben fünf Jahre ganz intensiv für ihn gearbeitet. Er ist nicht hingerichtet worden, was wir auch wirklich nicht befürchtet haben. Er ist nach fünf Jahren freigekommen und ist heute ungebrochen. Es geht ihm gut. Das war eine wunderschöne Sache.

Erzählerin

Vier Jahre nach seiner Freilassung besucht Özcan Kesgeç Rosida Eickelpasch zu Hause in ihrem Dorf in Westfalen. Sie sitzen mit einigen Freunden in ihrer Küche und essen Plätzchen.

Rosida Eickelpasch

Das ist wirklich was ganz Ungewöhnliches. Die Amnesty-Gruppen in aller Welt betreuen ja Tausende und wenn sie Glück haben, dann können sie den Einzelnen auch retten. Aber dass sie ihn dann auch noch sehen und erleben und noch lange Jahre Kontakt haben, das passiert nicht so ganz oft. Und der Özcan war da, und das war wirklich ein Highlight. Sowas gibt’s ganz selten, dass der so vor einem steht, dass man ihn in die Arme nimmt. Wir waren alle ganz schrecklich gerührt und er auch. Er war so ne Mischung aus gerührt und amüsiert, weil für ihn Amnesty International, Rosida von Amnesty Internatonal, etwas ganz Großes, was Tolles war, das die Familie ernährt hat, und mit Anwälten und Regierungsleuten verhandelt. Er hat nicht gedacht, dass es eine ganz normale, unscheinbare Person ist, die in ihrem Arbeitszimmer ein paar Aktenordner hat. Da war er sehr amüsiert und gerührt. Er hat viel geweint, aber auch viel gelacht. Er hatte noch zwei Freunde mit, die perfekt Deutsch sprachen und die waren auch total berührt und aufgeregt. Das war eine ungewöhnliche Geschichte.

Erzählerin

Die fast 25 Jahre, die sich Rosida Eickelpasch nun schon für Amnesty International engagiert, vergleicht sie mit einem Studium in Politik, Jura, Geschichte und Geographie. Für jemanden, der nach acht Jahren die Schule verlassen musste, ist das nicht gerade wenig. Sogar die türkische Sprache hat sie erlernt, um ihre „Fälle“ in der Türkei noch besser betreuen zu können.
Inzwischen hat Rosida Hunderte von Vorträgen gehalten: vor allem zur Kurdenproblematik und zu den andauernden Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. Am Anfang hatte sie große Hemmungen, vor Menschen zu sprechen: Unsicher und zu wenig gebildet fühlte sie sich für Vorträge. Die ersten Male konnte sie am Tag vorher vor Aufregung nichts essen. Aber die Sache war ihr schließlich so wichtig, dass sie alle Ängste überwand. Sie las und recherchierte ihre Themen bis in die kleinsten Details, um perfekt vorbereitet zu sein. Und mit jedem neuen Vortrag, zu dem man sie einlud, wuchs ihre Souveränität. Inzwischen macht ihr das Reden vor Menschen sogar großen Spaß.
Als Referentin für Menschenrechtserziehung reist Rosida Eickelpasch auch durch Schulen, um gerade junge Menschen auf das Unrecht aufmerksam zu machen und aufzuklären.
Und immer noch setzt sie sich für einzelne politische Gefangene ein: „Man muss immer die einzelne Person sehen: diese eine und dann jene eine, immer nur eine auf einmal“, so lautet der Leitspruch ihrer Arbeit, den sie von Mutter Theresa gelernt hat. Mühsam, enttäuschend und frustrierend ist ihre Arbeit oft. Aber ans Aufhören hat Rosida Eickelpasch noch nie gedacht.

Rosida Eickelpasch

Das ist zu meinem zweiten Selbst geworden. Das ist so. Aber man könnte ja trotzdem so frustriert sein, dass man sich zurückzieht, das ist wahr. Aber unsere Amnesty-Gruppe ist schon sehr lange zusammen, die Hälfte der Gruppe schon über fünfzehn Jahre. Das zeigt, dass es auch Spaß macht und das muss es auch, sonst hält man es nicht so lange aus. Obwohl ich leidenschaftlich für die Menschenrechte arbeite: Ich bin, glaube ich, hoffe ich, nicht penetrant. Ich bin da großzügig, auch mit mir, wenn mal was schief geht. Und wir haben in der Gruppe viel Humor, und wir pflegen unsere Beziehungen. Das ist einfach eine große Idee und das gibt einem auch ganz viel, selbst wenn mal was nicht so gut ausgeht. Wir haben ja unter diesen neun Gefangenen, die wir betreut haben, auch zwei Todesfälle, Menschen, für die es schon zu spät war, als wir überhaupt angefangen haben. Aber das macht die Sache ja nicht falscher. Im Gegenteil: Es ist noch wichtiger. Und ich glaube - das haben wir auch aus Briefen von Gefangenen und Angehörigen immer gehört - allein die Tatsache, dass jemand an sie denkt und das nicht mit verschweigt, das ist auch wichtig, dass sie wissen, es ist unrecht und woanders weiß man das. Also das gibt uns schon viel Kraft. Und es freut uns auch zum Beispiel das Interesse der jungen Leute in Deutschland, dass sich so viele junge Leute immer wieder mitreißen lassen. Das ist schön. Arbeit hier, das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Hier die Leute aufklären. Menschenrechte – ich glaube, da kommt man nie ans Ziel. Das ist wie Demokratie oder Liebe. Man kann nicht sagen: „Wir haben Demokratie, ich brauch mich nicht mehr darum kümmern“ oder „Wir lieben uns, ich kann alle Fünfe gerade sein lassen.“ Das wandelt sich, und man muss immer aufpassen. Ganz schnell kann’s wieder anders sein.

Erzählerin

Rosida Eickelpasch ist heute 58 Jahre alt. Inzwischen hat sie das erste Enkelkind; seit einiger Zeit arbeitet sie als Vorsitzende des Kulturvereins ihrer Stadt, ein Vollzeit-Job, der aber immer noch Raum lässt, lassen muss, für den Kampf um die Menschenrechte. Woher Sie die Energie für all das nimmt, hat sie sich oft gefragt, und auch, woher ihr ausgeprägtes Unrechtsempfinden kommt, das sich schon bei der Sechsjährigen, beim Fall Hermann Flade, gezeigt hat.

Rosida Eickelpasch

Es ist sicher was Genetisches. Bei meiner Mutter ist das auch schon zu erkennen. Die ist sehr mitfühlend und sehr gerecht. Die hat einen starken Gerechtigkeitssinn. Und das ist bei mir sehr ausgeprägt. Mitfühlend sind die meisten Amnesty-Mitglieder. Und man muss ein Vertrauen haben in die eigene Kraft, nicht feige sein. Man muss sich schon raushängen und einsetzen und einmischen. Das ist schon wichtig, man muss sich was zutrauen. Aber ich glaube, mein Schutzbedürfnis ist der Dreh- und Angelpunkt. Ich bin auch selbst sehr verletzbar. Und wenn ich mir vorstelle, mir, meinen Kindern, meinem Mann passierte so was – da kann ich mir dann eben auch vorstellen, wie das für andere Mütter und Frauen und Töchter ist. Nicht nur zu denken: Ich bin sensibel. Andere sind auch sensibel. Nichts ärgert mich so, wie wenn ich höre: „Ah, ich kann so was nicht hören, das belastet mich zu sehr, dann kann ich die ganze Nacht nicht schlafen!“ Das finde ich unmöglich. Wir können es nicht hören, aber andere müssen es erleiden! Ich kann’s auch nicht hören, aber deswegen mach ich was dagegen. Und auch wenn’s manchmal wenig ist. Aber weggucken und nicht hören wollen und sich nicht damit auseinandersetzen, das ist die Lösung nicht. Also ich denke, bei mir hat das wirklich zwei Wurzeln: Einmal dies Mitfühlende, Einfühlsame, Weiche und aber auch so was Revolutionäres, also revolutionär ohne Blut: Aufklärung und Gerechtigkeit fordern. Glauben, dass die Welt verbesserungsfähig ist.
Vielleicht habe ich schon mehr mitgekriegt als andere, weil ich so war, wie ich bin. Ich glaube nicht, dass das damals viele Sechsjährige mitgekriegt haben, aber eindeutig war es ein Baustein in meiner Geschichte, ganz sicher. Ich glaube, dass ich dann mich so begierig über Todesstrafe informiert habe und den Fall Chessman so interessiert verfolgt habe, das hing auch schon mit dem Todesurteil an Hermann Flade zusammen. Man sucht sich Geschichten. Positive und negative. Genau wie ich so viele Leute habe, die ich so verehre, wo ich denke: Das sind meine Vorbilder, so möchte ich sein. Zum Beispiel ist das Lew Kopelew. Der ist ja für „Mitleid mit dem Feind“ verurteilt worden. Das ist ja was ganz Tolles: Mitleid mit dem Feind. Also so ein Mensch, das kann mich schon berauschen.


Mit freundlicher Genehmigung des Südwestrundfunks! Weitere Veröffentlichungen sind nur durch Zustimmung des SWR erlaubt.


Foto (Eickelpasch): Im Interview: Rosida Eickelpasch
Autor: Anja Höfer, Petra Mallwitz und Birgitt Kehrer vom SWR2 Radio


Erstellt am 12.08.2010
Letzte Aktualisierung durch am 12.08.2010 14:43 Uhr